Flugfeld Aspern: Wiens vergessener Flughafen

Das ehemalige Flugfeld Aspern in Wien
Das Areal des ehemaligen Flugfelds Aspern, hier noch vor dem Baubeginn der Seestadt Aspern.
Foto: Christian Wirth (Wirthi) · Lizenz: CC BY-SA 3.0 · Quelle: Wikimedia Commons

Bevor Wien-Schwechat 1954 den zivilen Flugverkehr übernahm, war das Flugfeld Aspern im heutigen 22. Bezirk jahrzehntelang Wiens Tor zum Himmel: Austragungsort der ersten internationalen Flugmeetings der Donaumonarchie, Heimat der ersten österreichischen Fluggesellschaft und zeitweise, nach eigenem Anspruch, „internationalster Flughafen der Welt”. Heute erinnern vor allem Straßennamen wie Flugfeldstraße und Pilotengasse an die bewegte Geschichte des Ortes, an dem inzwischen die Seestadt Aspern entsteht.

Gründung und die große Zeit der Flugmeetings (1912 bis 1914)

Weil die bisher genutzte Simmeringer Haide zunehmend verbaut wurde, gründete die Wiener Flugfeld-Gesellschaft m.b.H. im Jänner 1912 ein neues Flugfeld in Aspern. Die Eröffnung am 23. Juni 1912 mit einem internationalen Flugmeeting zog rund 100.000 Besucher an, davon etwa 50.000 direkt auf das Gelände, und rund 6.000 Automobile wurden gezählt, zu einer Zeit, als Autos noch eine Seltenheit waren. Noch am Eröffnungstag kam es zu drei Unfällen, gleichzeitig wurden vier Weltrekorde aufgestellt. Aspern galt fortan als „das modernste Flugfeld der Welt”.

Am 9. Juni 1913 landete Graf Zeppelin gemeinsam mit Hugo Eckener mit dem Luftschiff „Sachsen” in Aspern, eine Woche später besuchte Kaiser Franz Joseph I. persönlich das zweite internationale Flugmeeting. 1914 erzielte der Pilot Heinrich Bier mit einer Lloyd LS-1 vier Höhenweltrekorde, zuletzt bis auf 5.440 Meter. Beim dritten internationalen Flugmeeting im Juni 1914 traf schließlich die Nachricht vom Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ein, ein Wendepunkt, der die kurze Blütezeit Asperns als „Nabel der Fliegerei” Europas abrupt beendete. Mit Kriegsausbruch wurde die Zivilluftfahrt eingestellt, das Feld fortan rein militärisch genutzt, unter anderem zum Einfliegen neuer Maschinen der nahen Flugzeugfirma Aviatik.

Die erste Luftpostlinie der Welt und die ÖLAG

Am 31. März 1918 ging von Aspern aus die weltweit erste regelmäßige internationale Flugpostlinie in Betrieb, zunächst nach Krakau, Lemberg und Kiew, später erweitert nach Odessa und Budapest. Nach Kriegsende und den Beschränkungen des Vertrags von Saint-Germain wurde Aspern 1922 wieder für den internationalen Verkehr geöffnet, am 1. Mai 1922 eröffnete die französische CIDNA als erste internationale Fluggesellschaft die Strecke Paris–Prag–Wien–Budapest. Am 21. April 1924 nahm die neu gegründete Österreichische Luftverkehrs AG (ÖLAG), Österreichs erste Fluggesellschaft, mit Aspern als Heimatflughafen ihren Betrieb auf.

Der Flughafen wuchs rasch: 1928 wurde ganzjähriger Flugbetrieb eingeführt, 1929 ein neues Abfertigungsgebäude mit Schalterhalle, Tower und Mitropa-Restaurant eröffnet. 1930 liefen bereits zehn Fluggesellschaften über Aspern, darunter die Lufthansa und Imperial Airways, später kamen Air France, Swissair und KLM hinzu, und der Flughafen erhielt den Titel „internationalster Flughafen der Welt”. Am 12. Juli 1931 besuchte das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin” unter Hugo Eckener den Platz, vor bis zu 120.000 Zuschauern und in Anwesenheit von Bundespräsident Miklas und Bundeskanzler Buresch. 1935 stationierte die ÖLAG ihre ersten Junkers Ju 52/3m in Aspern.

Bürgerkrieg, Anschluss und Zweiter Weltkrieg

Im Februar 1934 startete der bekannte Fliegerass Godwin Brumowski von Aspern aus zum einzigen Luftangriff des österreichischen Bürgerkriegs, gegen den Gemeindebau Goethehof. Nach dem Anschluss im März 1938 landeten Verbände der deutschen Luftwaffe in Aspern und machten den Platz zum Luftwaffenstützpunkt. Am 29. Mai 1938 bildete Aspern den Endpunkt des „Deutschlandflugs”: An einem einzigen Tag landeten dort 347 Flugzeuge gleichzeitig, mehr als je zuvor. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Flugplatz, unter anderem mit Zwangsarbeitern, ausgebaut, es entstanden drei Betonpisten. Am 5. April 1945 endete der zivile Flugbetrieb der Lufthansa, kurz darauf verließen die letzten Besatzungen das Gelände.

Sowjetische Besatzung, Rennstrecke und das Ende (1945 bis 1977)

Nach Kriegsende beschlagnahmte die Rote Armee die verbliebenen Anlagen und machte Aspern zum Stützpunkt einer Garde-Bomber-Division. Erst Ende 1955, nach dem Abzug der Besatzungsmächte, übernahm der Österreichische Aero-Club den Platz als zivilen Flugplatz für Sportflugzeuge. Ab Juni 1956 fanden auf dem Flugplatzkurs auch Autorennen statt, die stets großes Publikum anzogen. Weil die neue, im Bau befindliche zweite Start- und Landebahn in Schwechat eine Anflugschneise erhielt, die zu nahe an Aspern lag, wurde der Flugbetrieb dort bereits im Frühjahr 1977 eingestellt, noch bevor die neue Bahn am 6. Oktober 1977 offiziell eröffnet wurde. Der Legende nach verließ die letzte Maschine den Platz mit einer schwarzen Trauerfahne im Schlepp. Die Flugsportvereine zogen größtenteils nach Wiener Neustadt um.

Vom Opel-Werk zur Seestadt Aspern

1980/81 entstand auf einem abgetrennten Teil des Geländes, auf Initiative von Bundeskanzler Bruno Kreisky, ein Motorenwerk von General Motors, später Opel Wien, das 1982 den Regelbetrieb aufnahm. Die verbliebenen Rollbahnen dienten zunächst noch als ARBÖ-Verkehrsübungsplatz und für gelegentliche Flugtage, der letzte fand 1997 statt. Am 3. Juli 2009 wurden die letzten Reste der einstigen Start- und Landebahnen abgebrochen, im selben Jahr begann die Entwicklung der Seestadt Aspern, die bis 2028 Wohn- und Arbeitsplatz für über 20.000 Menschen bieten soll. Von der einst größten Flughafenanlage Mitteleuropas blieben so vor allem Straßennamen wie Flugfeldstraße, Pilotengasse und Fliegerweg als Erinnerung.

Weiterlesen: Flughafen Wien-Schwechat · Österreichische Luftfahrtgeschichte


Quellen (Auswahl)

Teil der Rubrik Österreichische Luftfahrtgeschichte. Unabhängiges, privates Geschichtsprojekt ohne Verbindung zur Austrian Airlines AG oder zur Lufthansa Group.